Adelsfamilien und ihre Mentalität

Für den Adel ist die Familie eine zentrale Einrichtung. Und so wie in der adeligen Welt strenge Regeln in Sachen Titel, Anrede und Verhaltensnormen herrschen, ist es auch üblich, dass für die familiären Beziehungen Vorgaben bestehen.

Bis heute handelt es sich bei adeligen Familien weniger um Familien im Sinn der bürgerlichen Kleinfamilie, sondern um einen Familienverband, dessen Mitglieder mit verschiedenen Rechten wie auch mit bestimmten Pflichten ausgestattet sind.

Emotionale Bindungen hatten in der adeligen Familie lange Zeit eine ausgesprochen nachgeordnete Bedeutung. Es ging um die Ausübung und Sicherung von Herrschaft und dementsprechend um die klare Einhaltung von Rollenzuschreibungen. Unerwünschtes Verhalten konnte und kann auch heute noch äusserst streng bestraft werden.

Fürstenfamilie von Thurn und Taxis

Adeligen Familien kam jahrhundertelang die Aufgabe der Machtausübung und des Machterhaltes zu, was auch die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander bestimmte.

Die innere Struktur der Familie war letztendlich ein Ebenbild der Monarchie, in der sie bis 1918 existierte.

Und bis heute prägt dieses pyramidenartige System die adelige Familie und die Beziehungen der Mitglieder untereinander.

Fürstenfamilie Monaco

Der Chef des Hauses

An der Spitze der Familie steht der Chef des Hauses, der durch die sogenannten Hausgesetze (Rechtsnormen) aufgrund Geburt, Reihenfolge, Alter und ebenbürtiger Ehe in diese Position gelangt ist.

Er kann nicht ohne die Gesamtfamilie agieren, ist an die Hausgesetze gebunden, hat innerhalb dieser Schranken aber doch einen relativ weiten Handlungsspielraum.

So kann er oftmals darüber entscheiden, ob ein Nachkomme der Familie bei einer Heirat, die nach den Hausgesetzen nicht eindeutig ebenbürtig ist, weiter zum Familienverband in Sinne des Adels zu zählen ist oder nicht. Erhält eine Eheschliessung nicht die Zustimmung des Chefs des Hauses, kann dies im schlimmsten Falle sogar zur Folge haben, dass das Familienmitglied von finanziellen Leistungen der Familie ausgeschlossen wird.

Georg Friedrich Prinz von Preussen, Chef des Hauses Hohenzollern

Etwa seit dem 14. Jahrhundert durften die Familien des Hochadels auf der Grundlage ihrer priviligierten Stellung Hausgesetze erlassen, die auch als Hausverträge oder Familienstatute bezeichnet werden und Rechtsnormen darstellen.

Die Hausgesetze betreffen vor allem die Bedingungen der Eheschliessungen, die Erbfolge und die Unveräusserlichkeit des Familienbesitzes, wobei der Chef des Hauses dabei als eine Art Treuhänder fungiert.

In der Gegenwart haben die Hausgesetze der Adelsfamilien, die nicht mehr regieren, den Status privatrechtlicher Verträge, besitzen aber eine hohe Attraktivität.

Nur Familienmitglieder, die sich den privatrechtlichen Normen unterwerfen, können letztlich in den Genuss bestimmter Leistungen wie Apanagen gelangen.

Der Chef des Hauses Löwenstein, Fürst Alois Konstantin und seine Gemahlin Anastasia, Prinzessin von Preussen (Ur-Enkelin Kaiser Wilhelm II.)

Bis 1918 war der Hochadel vom bürgerlichen Erbrecht ausgenommen. Insbesondere galt die gesetzliche Erbfolge nicht.

Dadurch wurde vermieden, dass das Erbe unter mehreren Erben gleichmässig aufgeteilt wurde, was nach einigen Generationen zu einer Zersplitterung des Besitzes geführt hätte.
In adeligen Familien tritt nur ein Erbe, meistens der älteste Sohn, ins Haupterbe ein.

Seit die Monarchie in Deutschland abgeschafft ist, gilt auch für den Adel das normale, bürgerliche Erbrecht, das mehrere Kinder als Erben nicht unterschiedlich, sondern tendenziell gleich behandelt.
Um die gesetzliche Erbfolge zu umgehen, gibt es nur eine Möglichkeit:
die Familienmitglieder, die nicht als Haupterbe vorgesehen sind, müssen einen Erbverzicht leisten.
Leistet ein Mitglied einen Erbverzicht, dann geschieht dies natürlich nicht umsonst. Er oder sie erhält einen Ausgleich, eine satte Entschädigung, die auch als Apanage bezeichnet wird, was soviel bedeutet, wie jemandem Brot oder Unterhalt zu geben. Die Apanage ist die Ausstattung, die das Mitglied eines fürstlichen Hauses erhält, um ein standesgemässes Leben führen zu können.

Die Apanage kann aus unterschiedlichen Dingen bestehen, aus einer einmaligen Zahlung, aus Grundbesitz, einem Haus und/oder einer lebenslangen Rente.


Ernst August Erbprinz von Hannover

Die Welfen gelten als das älteste Adelsgeschlecht Europas.

Heute ist der Welfen-Prinz Ernst-August von Hannover das bekannteste Familienmitglied und Chef des Welfen-Hauses.

Die Rechte weiblicher und männlicher Nachkommen in Adelsfamilien.

Traditionellerweise werden die männlichen Nachkommen einer Adelsfamilie, die auch Agnaten genannt werden, bei Erbe und Familienentscheidungen bevorrechtigt.

Und unter den Söhnen tritt in der Regel der älteste Sohn ins Haupterbe ein.  Man nennt dies auch das Prinzip der Primogenitur,

also das Erbrecht des Erstgeborenen und seiner Nachkommen.

Die erste Festschreibung des Primogeniturprinzipes im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation erfolgte im Jahre 1356 mit der Goldenen Bulle, dem Reichsgrundgesetz, das die Königswahl regelte. Die Kurfürsten wurden zu den "Königsmachern" bestimmt, weswegen die weltlichen Kurfürstentümer seit 1356 nicht mehr geteilt werden durften und in der Folgezeit auf den ältesten männlichen Nachkommen übergingen. Viele Hochadelsfamilien führten dieses sogenannte Primogeniturprinzip erst sehr viel später ein, meistens im 17. und 18. Jahrhundert.

Die Goldene Bulle - Kaiser Karl IV.

In manchen Hochadelsfamilien gelten Bestimmungen, nach denen das Adelshaus ausstirbt, wenn es keine männlichen Nachfolger mehr gibt. Andere handhaben diese Regeln flexibel, lassen auch eine weibliche Thronfolge zu.

Es gibt aber auch Familien, die die Rechte der Kognaten, der weiblichen Familienmitglieder, gestärkt haben.

Innerhalb des europäischen Hochadels hat das schwedische Königshaus die Gleichberechtigung der Geschlechter am weitesten vorangetrieben. Dort können Töchter gleichberechtigt wie Söhne ins Haupterbe eintreten und Königin werden.



Die schwedische Königsfamilie